Bolivien Huancarani – Hilfseinsatz zu Zeiten der Pandemie

Jeden Tag bin ich dankbar in dieses Leben geboren zu sein, umgeben von Sicherheit und all dem Reichtum und Überfluss.

Vor einigen Jahren reiste ich mehrere Monate durch Südamerika um Menschen, Kulturen und die spanische Sprache kennen zu lernen.

Es begegnete mir viel Armut, aber auch viele glückliche Menschen die einfach mit wenig zufrieden sind. Das beeindruckt mich bis heute.

Ein paar Jahre später, zurück im oralchirurgischen Alltag, packte mich der Wunsch an einem humanitären Projekt teilzunehmen.

Weihnachten 2020 stieß ich bei meiner Recherche auf den FCSM e.V. und seine zahnmedizinischen Hilfsprojekte in Südamerika. Ich bot per Email meine Hilfe an und bekam noch am selben Abend eine positive Rückmeldung.

Der FCSM e.V. besteht seit 1993 und hatte bereits Projekte in Brasilien, Peru und Ecuador. Derzeit gibt es Corona-bedingt jedoch nur noch eines in Bolivien, das bereits im 8. Jahr unterhalten wird. Bolivien ist das ärmste Land Südamerikas. In Huancarani, einem indigen geprägten Dorf nahe den Anden, ca. 35 km südwestlich von Cochabamba, betreibt die Organisation eine zahnärztliche Praxis mit 2 Behandlungszimmern und einem Labor. Hier arbeiten meist europäische Voluntarios jeden Alters und halten den Betrieb in der Regel ganzjährig aufrecht.

Im Mai 2020 mussten die Einsatzkräfte auf Grund von Corona schweren Herzens schlagartig Bolivien verlassen. Damals hoffte die Organisation auf einen Wiederbeginn für Ostern 2021. Die dritte Welle und die damit verbundenen Einreisebeschränkungen und Quarantäneregelungen machten den Wiedereinstieg erst Anfang August 2021 möglich.

In der Regel arbeitet ein Zahnarzt beim Einsatzwechsel den nächsten ein, es sei denn es gibt Wiederholungstäter. Nach der 16-monatigen Corona Pause betreute der Einsatzleiter Ekkehard Schlichtenhorst das Team die ersten 4 Wochen beim Neubeginn, um die Praxis aus ihrem Dornröschenschlaf zu holen. Das Team bestand aus Technikerin Sabrina, Studentin Sarah und Zahnarzt Franziskus.

Nach 3 Wochen durfte ich dann den zahnärztlichen Kollegen ablösen. Ein Koffer mit Verbrauchsmaterialien und meine Lieblingsinstrumente im Schlepptau reiste ich Ende August an, um nach kurzer Einarbeitung durch Ekkehard, mit Sarah und Sabrina die nächsten 3 Wochen die Praxis zu betreiben. Danach sollte die Praxis (Consultorio) wieder leer stehen, da bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Nachfolge feststand.

Am Flughafen wurde ich überschwänglich vom Team begrüßt. Die Autofahrt von Cochabamba Flughafen bis Huancarani dauert ca. 45 Min. Auf dem Weg machten wir halt in einem größeren Ort namens Quillaquollo, um einige Besorgungen zu machen.

Angekommen in Huancarani fühlte ich mich gleich herzlich willkommen. Es war ein Samstag. So hatte ich Zeit mich an die Zeitverschiebung und die dünne Luft in 2800 Metern Höhe zu gewöhnen. In Bolivien war zu dieser Zeit Frühling.

Es hatte seit 4-5 Monaten nicht geregnet und die Luft war unerträglich trocken, die Sonne brannte. Tagsüber war es 25-30 Grad, die Nächte waren mit 8-12 Grad jedoch schön kühl.

Ich bezog mein Zimmer in unserem Apartment, dass ich mir mit der Studentin und Technikerin teilte. Es ist mit einem Bad, einer Küche und einem Gemeinschaftsraum ausgestattet. Ein echter Luxus in diesem einfachen Dorf, wo die Menschen teilweise in einfachen Hütten wohnen.

Der Gebäudekomplex in der sich auch das Consultorio befindet, ist eine Art Kulturzentrum, dass von der Familie Dona Adelas behütet, bewohnt und bewirtschaftet wird. Hier wurden bisher Kinder des Dorfes betreut, verköstigt und gefördert. Jedoch seit Corona kommen nur noch vereinzelt Kinder vorbei. Es sind ebenso Räumlichkeiten für Erwachsenenbildung vorgesehen, die derzeit wieder aktiv genutzt werden.

Bolivien Huancarani

Ein Erlebnisbericht von Dr. med. dent. Sarah Schomberg

Am Sonntag zeigte mir Ekkehard die Räumlichkeiten der Praxis und ich konnte mich in Ruhe mit allem vertraut machen. Es gibt einen 1. Behandlungsplatz mit einer alten brasilianischen Einheit, einen kleinen Steri, ein 70 kV-Röntgengerät, einen Autoclaven, zwei Ultraschall-ZEG‘s, Reziprok und Apexfinder und eine komplette instrumentelle und materielle Ausstattung. Im Consultorio befindet sich auch ein Luftreiniger mit HEPA-Filter, der für eine Viren-freie Luft sorgt.

Ein 2. Behandlungsplatz ist ursprünglich als reiner Prophylaxeplatz eingerichtet worden, wegen des Mangels an DH´s und ZMF´s haben wir ihn hochgerüstet zum Kons-Arbeitsplatz. Eine stets präsente einheimische Stuhlassistenz hätten wir gerne, haben aber noch keine geeignete finden können. Das Berufsbild „ZFA“ oder ähnliches gibt es in Bolivien nicht.

Montags fangen wir für gewöhnlich erst um 14 Uhr mit der Nachmittagssprechstunde an, weil man in den umliegenden Dörfern am Wochenende meist so ausufernd feiert, dass man am Montagmorgen kaum Patienten hat.

Schnell waren wir ein gut eingespieltes Team. Jeder machte das was er am besten konnte und so ergänzten wir uns wunderbar. Nur zusammen mit Sabrinas Hilfe, die zu Hause KFO Technikerin ist, konnten wir viele Patienten mittels Interimsprothesen glücklich machen. Diese sind in Bolivien prothetische Standardversorgungen.

Am wichtigsten waren den Patienten die Frontzahnfüllungen. Aber da haben wir nicht mit uns verhandeln lassen. Erst die Beseitigung der Infektionsherde, dann die Ästhetik. Die meiste Zeit waren wir so damit beschäftigt, die Patienten von notwendigen Behandlungen wie Extraktionen zu überzeugen.

Wir konnten ca. 10-15 Personen pro Tag behandeln, wobei wir ca. 45 -60 Minuten pro Patient zur Verfügung hatten. Es dauerte nicht lange, bis sich rumsprach, dass die „deutschen Zahnärzte“ ihre Praxis wiedereröffnet haben. Und dann kamen sie in Scharen. Schon kurz nach Sonnenaufgang (7:00 Uhr) warten Patienten, von nah und fern, vor dem Hoftor. Gegen 8:30 Uhr lassen wir sie dann in das außen liegende Wartezimmer. Alle sind sehr geduldig und halten sich in der Regel selbst an die Reihenfolge, in der sie gekommen sind. Nach einer 1,5 stündigen Mittagspause, geht es in die Nachmittagssprechstunde. Bis zum Einbrechen der Dunkelheit gegen 18-19 Uhr warten die Patienten geduldig. Den Schmerzpatienten wird auch schon mal der Vortritt gewährt, wenn sich der Feierabend nähert. Jene die wir nicht mehr behandeln konnten, kamen klaglos am nächsten oder einem anderen Tag wieder.

Meist kommen die Bolivianer mit der ganzen Familie, teilweise nehmen sie ganze Tagesreisen auf sich. Einige kommen alle 2 Tage bis kein Behandlungsbedarf mehr besteht und andere sieht man nach der Inzision eines Abszesses nie wieder.

Unser Therapie-Spektrum umfasst konservierende und chirurgische ZHK, Endodontie (Reziprok-Gold), Prophylaxe und eine einfache Prothetik (Interims-Prothetik, die in Bolivien eher Standard ist). Paro, Kfo und Implantologie kommen wegen der häufig wechselnden Behandler nicht in Frage.

Natürlich gibt es in Bolivien Zahnärzte, aber die Bolivianer haben mehr Vertrauen in die Qualität der deutschen Zahnärzte und können sich eine zahnmedizinische Versorgung zu Normalpreisen meist gar nicht leisten. Im Consultorio kostet beispielsweise eine Füllung oder Extraktion 1,25 Euro.

Wir haben die Bolivianer als sehr konsequente Maskenträger erlebt, selbst auf Feld und Straße. Überall werden peinlichst Hygieneregeln eingehalten und viele tragen ein kleines Sprüh- Fläschchen Alkohol um den Hals. Die Inzidenz zu Zeiten der dritten Welle lag in Bolivien bei 17.

Die Arbeit ist nicht weniger anstrengend als daheim, aber die Bürokratie ist auf das Mindestmaß reduziert. Die Patienten, die mit ihrer unglaublichen Geduld und ihren in bunte Tücher gewickelten Kindern auf dem Rücken zu uns kommen, sich klaglos behandeln lassen und sich überschwänglich bedankend verabschieden, geben einem so viel zurück.

Besonders dankbar sind wir „Doña Adela“, die uns mit so viel Herzlichkeit und bester Kochkunst umsorgt und unterstützt hat. Sie ist Haushälterin und Herz der gesamten Einrichtung und kümmert sich um alles und jeden.

Ich hoffe, dass wir den ein oder anderen mit unserem Einsatzbericht inspirieren konnten vor Ort zu helfen. Solche Projekte leben vom sozialen Engagement und geben so viel zurück. Es ist eine Bereicherung seine Komfortzone zu verlassen und zu lernen wie einfaches Leben und Dankbarkeit glücklich machen.

Die Pandemie, mit der wir auch in Zukunft alle leben müssen, ist jedenfalls kein Grund mehr sich gegen einen Einsatz vor Ort zu entscheiden.

Nach unserem Einsatz stand auf Grund mangelnder Einsatzkräfte das Consultorio wieder für 6 Wochen leer. Zu großen Freude der Bolivianischen Patienten haben sich jetzt durchgehend bis Mitte Februar 2022 Zahnärzte für den Einsatz gefunden, aber danach sucht der FCSM dringend weitere Freiwillige.

Auf Grund vieler notwendiger Zahnextraktionen benötigen viele Patienten Zahnersatz. Daher würden wir ZahntechnikerInnen gerne ganzjährig im Team haben. Bisher gibt es zahntechnische Begleitung nur zur Hälfte unserer Präsenz.

Weitere Informationen finden Sie auf der Internetseite des FCSM.

Man-power ist wertvoller als Money-power, aber natürlich sind wir auch für jede Material- oder Geld-Spende dankbar (IBAN DE61 6045 0050 0030 0074 51).